Bielefeld (ots) – Digitalisierung ist eine feine Sache, keine Frage. Was war das mühsam, damals in der analogen Welt, Kontakt zu halten – beispielsweise mit Freunden, die umgezogen waren. Ein paarmal hat man geschrieben, ab und zu telefoniert, oft schlief die Beziehung ganz ein. Heute reicht der tägliche Klick aufs Facebook-Symbol, um verbunden zu bleiben. Oder der Einkauf: Was ist man durch die Stadt gerannt, weil die Stifte, die das Kind unbedingt haben sollte, überall ausverkauft waren. Heute: Gemütlich vom Sofa aus Amazon angesteuert, ein paar Minuten surfen, schon ist alles im elektronischen Einkaufswagen. Dass bei jedem Klick Daten erhoben, gespeichert, weiterverarbeitet, neu verknüpft werden – wir machen uns keine Gedanken darum, weil die Nutzung der Dienste so überaus bequem ist. Und so haben Google, Facebook, Amazon und wie sie alle heißen hinter unserem Rücken Millionen und Abermillionen Informationen über uns gesammelt. Macht doch nichts, wenn die wissen, was ich gerne esse und lese, wohin ich am Wochenende fahre, wie ich eingerichtet bin? Doch, es macht etwas. Denn die Daten liegen nicht ungenutzt auf irgendwelchen Speichern, sondern werden neu zusammengestellt zu perfekten Persönlichkeitsprofilen. Die eignen sich nicht nur dafür, mir bei jeder Internet-Suche passgenau Werbung vorzuspielen. Sondern sie werden verkauft. An Versicherungen, Banken, PR-Agenturen. Spätestens seit dem Skandal um Cambridge Analytica – die Firma, die millionenfach Facebook-Daten für die Trump’sche Wahlkampfkampagne einsetzte – ist endgültig klar, dass “Big Data” unmittelbar demokratierelevant ist. Es geht längst nicht mehr nur darum, ob meine Versicherungspolicen zu hoch oder mein Kreditrahmen zu niedrig angesetzt werden. Insofern ist es höchste Zeit, dass die Politik das Kräftegleichgewicht wieder in Richtung der Bürger verschiebt. Ein Schritt dahin ist die neue Europäische Datenschutzverordnung, die Firmen zu sehr viel mehr Transparenz verpflichtet und Nutzern neue Rechte gibt, über ihre Daten selbst zu bestimmen. Aus der Branche klingt laute Kritik: Die Richtlinie werde die Internet-Wirtschaft bremsen. Stimmt vermutlich. Aber so funktioniert eine soziale Marktwirtschaft: Regeln hegen den Markt so ein, dass er nicht ohne Rücksicht auf die Interessen der Menschen wachsen kann. Deshalb führt die turbokapitalistische FDP-Devise “Digital first, Bedenken second” auch so in die Irre. Der Digitalmarkt soll und muss sich entwickeln können. Aber nicht weiter auf Kosten unserer Freiheit.

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